“Holiday Celebrations in the City” – my new article!

Lange hat er auf sich warten lassen – mein Artikel für die Weihnachtszeit. Für euch wie immer in deutscher Übersetzung:

„ Langsam neigt sich das Jahr dem Ende entgegen. Die Tage werden kürzer, früh wird es dunkel in  der Stadt. Durch bunte Lichterketten und geschmückte Tannenbäume werden die Straßen San Franciscos hell erleuchtet. Es wird Weihnachten. Eine Zeit für Fest- und Feiertage. Das ist überall zu spüren.

Auch bei AgeSong kehrt eine winterliche und festliche Atmosphäre ein. In der Lobby steht ein Weihnachtsbaum, prächtig geschmückt mit den schönsten Kugeln, Lichtern und Herzen. An der ein oder anderen Stelle kleine weiße oder rote Tauben als Zeichen für Frieden und Besinnlichkeit. Jeder half beim Dekorieren mit: ob Mitarbeiter oder Bewohner, im Rollstuhl oder gut zu Fuß. Heute steht ein drei Meter großer Tannenbaum zwischen Sofa und Sesseln in der Lobby, wo ihn jeder sehen und sich an ihm erfreuen kann.

Die Festtage sind auch bei AgeSong etwas Besonderes. Wir feiern nicht nur den Advent und  Weihnachten. Auch Channukka, die Wintersonnenwende und Kwanzaa werden im Mittelpunkt stehen.

So werden acht kleine Lichter zum Lichterfest unserer jüdischen Bewohner neben dem Weihnachtsbaum hell erleuchten. Sie erinnern an die Öllampe im Tempel Jerusalems, der niemals erlöschen sollte. Trotzdem diese Lampe nur Öl für einen weiteren Tag hatte, leuchtete sie acht ganze Tage, bis neues Öl gewonnen worden war. Acht Tage im Dezember wird zum Gedenken an dieses Wunder immer eine Kerze angezündet, bis schließlich alle acht Lichter brennen.

Am 21. Dezember schenken wir der Wintersonnenwende unsere Aufmerksamkeit. Ob aus dem Blickwinkel der Astrologie, Astronomie, Religion oder einfach nur die Freude auf die kommende Sommerzeit – gemeinsam machen wir diesen Tag zu etwas Besonderem. Wir feiern die alten religiösen und naturverbundenen Bräuche unserer Vorfahren. Bräuche aus einer Zeit , wo die Menschen der Natur vertrauten und ihren Tag nach dem Erdrhythmus lebten. Mit der Wintersonnenwende kehrt das Licht zurück und wird bis zur Sommersonnenwende im Juni Tag für Tag länger die Welt erhellen.

Für mich wird Kwanzaa, das Fest der Menschen mit afro-amerikanischen Wurzeln, eine ganz neue Erfahrung sein. Es wird der afro-amerikanischen Geschichte gedacht und die Erhaltung und Weiterentwicklung der Community gefeiert. Mit kleinen Aufmerksamkeiten kommen die Menschen zusammen, um gemeinsam den Abend zu genießen bei Kerzenschein und einem ganz besonderen Festessen.

Als Zeichen für das christliche Weihnachtsfest steht in der Lobby ein großer Weihnachtsbaum. Es ist mein erstes Weihnachtsfest ohne Adventskranz, Pyramide und Nussknacker auf dem Tisch. Auch ohne religiösen Glauben feiere ich mit meiner Familie in Deutschland eine Weihnachtszeit nach christlicher Tradition. Dieses Jahr wird es anders sein mit vielen neuen Eindrücken, Festen und Traditionen. Gemeinsam mit den Senioren und Mitarbeitern freue ich mich auf eine wunderbare und ereignisreiche Zeit. Happy Holiday! “

Original: agesongtoday.com

pre-Christmas

Die in dichtem Nebel P1010232_2eingehüllte Bay Bridge erscheint am heutigen Morgen grau und kalt. Langsam drängt sich der dichte Verkehr in Richtung San Francisco. Auch mit fünf Fahrspuren kommen wir des Öfteren zum Stehen, kleine Drängler machen es nicht grade einfacher. Wie schön war die Brücke nachts hell erleuchtet, der Himmel klar, die Sicht auf die Skyline der Stadt unbeschreiblich. Von einer kleinen Insel aus – Treasure Island genannt und ehemaliger Navy Stützpunkt – hatte ich einen wunderbaren Blick auf San Francisco und die Bay Area. Kreuzfahrtschiffe legten ab, kleine helle Flugzeuge flogen über uns hinweg, die Bay Bridge unter uns glänzte. Ein kleiner Genuss unterm Nachthimmel nach einem langen Arbeitstag.P1010218_2

P1010243_2Inzwischen ist meine Zeit hier überschaubar. Und dennoch gibt es vieles, was ich noch sehen und erleben möchte. So fuhren wir Samstag zu den berühmten kalifornischen Redwoods, den wohl größten Bäumen der Umgebung. Einmal richtig durchatmen, der Genuss der Natur, den Duft von Erde und Tannen, Laub und Pilzen. Wir liefen eine Weile einen kleinen Waldweg entlang. Gespannt schaute ich mich um. Ich wollte sie nicht verpassen. Die großen Redwoods. Stolz wollten mir meine Begleiter diese Bäume präsentieren. Nach einer guten halben Stunde wurde ich ungeduldig. Ist der Weg noch weit bis zu unserem Ziel? Mit verwunderten Blicken sahen sie mich an. Sie wussten nicht ganz, was ich meinte, worauf ich hinauswollte. Jetzt endlich verstand ich alles. Wir waren bereits mittendrin. Der ganze Park bestand aus den berühmten kalifornischen Küsten-Mammutbäumen. Ein bisschen enttäuscht war ich schon. Der Wald glich einem typisch deutschen Mischwald. Zum Genießen und Entspannen einfach schön, jedoch für mich nichts Besonderes. Eigenartig für mich hingegen ist ein Garten in unserer Nachbarschaft mit einem Laubbaum, einer Tanne und einer riesigen Palme. Nadelbaum und Palme? Für mich eine seltsame Kombination.P1010247_2

Thanksgiving liegt hinter mir – das amerikanische Fest schlecht hin. In vielen Familien wird es hier größer gefeiert als Weihnachten. Ich hatte das Glück, dieses Event in einer richtigen amerikanischen Großfamilie feiern zu können mit einem großen Truthahn, vielen Extras, Kuchen, Marmelade und für mich bis heute undefinierbaren Köstlichkeiten.

Die ältere Generation an dem einen Tisch schwelgte in Erinnerungen, die Anderen lachten und diskutierten auf dem Sofa. Die Jüngsten verfolgten gespannt das Football Spiel im Fernsehen auf dem Fußboden im Wohnzimmer. Der flauschige Hund Railay wusste nicht, wo er zuerst hinschauen sollte. Zu viele Menschen, zu viele Gerüche und zu viel Essen. Schnell leerten sich Sekt und Bierflaschen, in die kleinen Schokoladenkugeln wurde genüsslich hineingebissen. Ich staunte nicht schlecht, als ich die riesige Schale mit „Lindt“-Pralinen vorfand. Solche Köstlichkeiten kosten hier in der Umgebung schon ein kleines Vermögen. Aber die Amerikaner lieben deutsche und schweizerische Schokolade über alles. Nur die Kombination mit Peanut-Butter war mir neu – und nicht unbedingt mein Favorit.

Zwei Wochen zuvor wurde der Mittwoch zu meinem kleinen persönlichen Highlight. Mit 6 Kilogramm Mehl, 1 Kilo Butter, 2 Liter Milch, fast 2 Kilogramm Rosinen und weiteren Zutaten widmete ich mich meinem Projekt „Stollen backen für AgeSong“. Mit dem von mir heißgeliebten Stollenrezept meiner Oma und Uroma wollte ich ein Stück deutsche Weihnacht nach San Francisco bringen. Vom Umrechnen der Zutaten in die US-amerikanischen Einheiten, dem Besorgen aller Zutaten bis hin zu meiner kleinen Weihnachtsbäckerei brauchte es seine Zeit und ein bis zwei kleine Helfer mit guten Beziehungen zu den verschiedensten Läden der Stadt. Am Mittwoch hatten wir alles beisammen. Alles? Nicht ganz, es fehlte die Hefe. Feuchthefe, doch so etwas gibt es hier kaum. Wie sollte ich also Trockenhefe in Feuchthefe umrechnen und die benötigte Menge bestimmen? Wie gut, dass es Laptops und Skype gibt. Mit einem Mal wurde meine ganze Familie aktiviert. Wer konnte mir weiter helfen? Wer wusste Bescheid? Wer hatte die Antwort parat? Zehn Minuten später der erlösende Anruf. Wer könnte es besser wissen als Omas? Mein Projekt war gerettet. Es konnte weitergehen.

Als auch die unerwartet großeP1010193_2 Menge an Trockenhefe vorhanden war, mahlte ich Mandeln, wog die Zutaten ab, erwärmte die Butter und fügte schließlich alles in einer großen Box zusammen. 6 Kilogramm Mehl zu kneten und alle Zutaten gleichmäßig zu vermischen, war nicht leicht. Allein dafür brauchte ich beinah 45 Minuten. Erst musste die Hefe gehen, dann auch der Teig. Immer wieder 45 Minuten warten, hoffen, dass die Hefe aufgeht, der Teig wächst. Wie erleichtert war ich, als ich drei große Bleche voller Stollen nach sechs Stunden Arbeit aus dem Ofen holen konnte. Sie sind nicht verbrannt, nicht zu hart und nicht zu weich. Als ich sie in Folie einwickelte und behutsam im Regal verstaute, musste ich lächeln. Ein bisschen stolz war ich schon auf mich. 6 Stunden Stollen backen, allein und ohne Hilfe. Ob sie wirklich schmecken werden? Wir werden sehen, wenn sie am 11.12. aus dem Regal geholt werden und wir sie zu unserem „Deutschen Weihnachtsfest“ bei AgeSong anschneiden. Ich bin schon jetzt gespannt.

Mein Weg führt mich durch die Straßen unserer kleinen Stadt. Langsam ersetzten bunte Lichter, Schneemänner und Zuckerstangen die Thanksgiving-Dekorationen. Erste Weihnachtsmänner leuchten auf den Dächern und kleine Rentiere verstecken sich zwischen Büschen und Bäumen. Es wird weihnachtlich in Alameda. Schon bald werden Häuser und Straßen hell erleuchtet sein. Ein kleines Highlight gibt es auch hier: eine einzige Straße, die besonders bunt, besonders kreativ und besonders hell erleuchtet und dekoriert sein wird. Die Bewohner der Straße haben in ihren Verträgen unterzeichnet und versprochen, die Straße ein weihnachtliches Highlight für Bewohner und Touristen werden zu lassen. Es soll ein überwältigendes Erlebnis sein.

Ein Vogelzwitschern weckt mich aus meinen vorweihnachtlichen Träumen. Es ist die Ampel. Hier in Alameda haben alle ‚Avenues‘ ein Vogelzwitschern und alle ‚Streets‘ einen Kuckuck-Ruf als zusätzliches Signal zum grünen Licht und dem Countdown, der anzeigt, wann die Ampel umschalten wird. So etwas gibt es nicht in San Francisco, der großen Stadt. Nein, solche Kleinigkeiten erlebt man nur in Orten, wie Alameda – einer Kleinstadt wie man sie aus Film und Fernsehen kennt.

new countdown

Langsam verdrängen Regenwolken und Nebel die letzten Sonnenstrahlen. Es wird kalt und nass in San Francisco. Ich genieße den ersten Regen, die ersten feuchten Füße auf dem nach-Hause-Weg, den Geruch von Laub und Feuchtigkeit. Durch die warmen, sommerlichen Tage bis in den November hinein hatte sich mein Zeitgefühl verschoben. Noch immer schien es, September zu sein, Spätsommer. Die Zeit schien einfach nicht voran zu schreiten. Dass in einem Monat Weihnachten vor der Tür stehen sollte, war bis vor wenigen Tagen noch unvorstellbar. Endlich kommen kleine Lichterketten und Dekorationen in den Schaufenstern zum Ausdruck. Das rege Treiben auf den Straßen gleicht Deutschland ungemein. Eingepackt in Jacken und Mänteln mit Regenschirmen in den Händen laufen die Menschen auf dem Bürgersteig, ohne nach links oder rechts zu schauen. Ganz wie zu Hause.

Die eigenen vier Wände

Ich schaue mich um. Unser kleines Appartement in Alameda – einer Kleinstadt außerhalb San Franciscos – ist warm, wenn auch spärlich eingerichtet. Gemeinsam mit meiner 18-jährigen Mitfreiwilligen bewohne ich hier ein kleines Zimmerchen mit zwei Betten Schränken und Nachtschränkchen. Es ist niedlich. Die breite Fensterwand lockert und hellt den Raum etwas auf. Jeglicher nächtlicher Lärm und der Kampf und etwas Privatsphäre scheinen vergessen zu sein. Kochen und das Aufbewahren von Nahrungsmitteln sind kein Problem mehr. Die Küche ist groß und geräumig. Nur die allzeit bewährte Mikrowelle fehlt.

Ein Appartement nur für uns zwei. Nachdem unsere geplante Mitbewohnerin nach fünf Minuten das Weite suchte, da ihr die Unterkunft zu abscheulich und ekelhaft vorkam, zog sie es vor, zurück in ein Hotel zu ziehen. Nicht einmal ihr Haushälter würde so leben müssen. Nun ja. Ihre Entscheidung, AgeSong binnen einer Woche verlassen zu wollen, fiel genau in diesem Moment.

Noch einmal Koffer packen – zum letzten Mal

Ich schaue auf meine kleine Kerze. Inzwischen hat sich ihr weihnachtlich süßer Duft im ganzen Zimmer verteilt. Vor mir eine Kiste, zur Hälfte gepackt. Eine Decke, dicke weiche Pullover, Handtücher, Bettlaken. In wenigen Tagen wird sie vollbepackt ihre lange Reise nach Deutschland antreten. Mit Sachen, die ich hier nicht mehr benötige. Die nicht in meine Koffer passen. Koffer… packen… das klingt nach reisen… Ich plane eine lange Reise. Nach Hause ohne Rückflugticket.

Fast 11 Wochen lebe ich jetzt in San Francisco. Die Arbeit bei AgeSong Senior Community ist nicht so, wie erwartet. Inzwischen zähle ich jeden Tag erneut die Stunden, schaue aller zehn Minuten auf die Uhr. Es gibt für uns hier kaum etwas zu tun. Tag für Tag sitzen wir im Keller in einer kleinen Bibliothek, arbeiten an unserer weihnachtlichen Präsentation, die bereits seit einigen Tagen fertig ist. Wir warten auf etwas Büroarbeit, die vielleicht irgendwo zu erledigen ist oder bereiten uns auf die ein oder andere Gruppe vor, die eigentlich keine Vorbereitung benötigt.

Für mich wird es von Tag zu Tag schwieriger, mit stark psychisch und physisch eingeschränkten Menschen zu arbeiten. Es ist nicht einfach zu sehen, dass es ihnen nicht mehr möglich ist, sich allein zu bewegen, selbstständig zu essen oder gar auf Fragen zu antworten. Wie schnell versterben hier Bewohner. Aktuelles Befinden wird schön geredet, vieles einfach hingenommen. Die gewünschte Nähe zu den Senioren zuzulassen, gelingt mir nicht. Oft gehe ich auf Distanz mit der Unsicherheit, den Menschen mir gegenüber zu verletzen. Ich weiß, wie sehr sich ältere und kranke Menschen freuen, wenn man einfach nur da ist, ihnen Gesellschaft leistet und Aufmerksamkeit schenkt. Ich bewundere jeden Mitarbeiter hier, der mit demenzkranken Menschen arbeiten kann und dies mit Hingabe tut. Umso erleichterter war es für mich zu hören, dass die Mitarbeiter von AgeSong auch meine Position nachvollziehen können. Nicht jeder kann tanzen, nicht jeder beherrscht die Formeln der Physik, nicht jeder spricht akzentfreies Englisch – und nicht jeder kann mit Leidenschaft in einem Seniorenheim arbeiten.

So genieße ich die letzten Wochen in San Francisco so gut es geht. Alcatraz und Cable Car stehen noch auf dem Programm. Im Golden Gate Park soll die California Academy of Sciences ein unbeschreibliches Erlebnis sein. Fünf Wochen vergehen schnell. Auch wenn ich hoffe, dass die Tage wie im Fluge vergehen, so soll dennoch genügend Zeit für Weihnachtseinkäufe bleiben. Mein Wunsch, einmal die Weihnachtszeit in Amerika zu verbringen, wird sich erfüllen. All die Kaufhäuser und Schaufenster werden nach Thanksgiving am Donnerstag hell erleuchtet, Weihnachtsmusik in jeder Straße zu hören sein. Abflug am 23.12.2012. Pünktlich zum Heiligen Abend werde ich in Deutschland bei meiner Familie sein. Eine perfekte Planung. Wenn auch durch unerwartete Umstände.

knight in shining armor

Zwischen Kisten und Akten, Papiervorräten und Kabeltechnik ist es ziemlich warm und stickig. Wir versuchen, uns bestmöglich zu konzentrieren. Schauen auf den Laptopbildschirm und ordnen Schritt für Schritt die Folien unserer Deutschland-Präsentation.  Es ist nicht leicht, einen Tisch zum Arbeiten zu finden, wo es gleichzeitig eine Internetverbindung gibt. Für uns gibt es einen solchen Platz nicht. Somit arbeiten wir in der kleinen Abstellkammer AgeSongs.

Mit kühlen Temperaturen zog der P1000962_2Herbst in San Francisco ein. Dicker Nebel breitet sich in den Küstengebieten aus. Nur noch selten sieht man Schiffe am Horizont des Pazifiks fahren. Morgens auf dem Weg zur Arbeit möchte ich meine warme Wetterjacke und die kleinen Handschuhe nicht missen. Auch Kalifornien ist nicht nur Sommer, Sonne und Strand. Zumindest San Francisco nicht.

San Francisco im Halloween-Fieber

Von den Unwettern an der Ostküste redet hier niemand. Im Gespräch ist das Baseball-Team der Stadt – die „Giants“ –, die als Favoriten der „World Series“ gelten. Halloween steht an mit großer ‚Giants‘-Parade in einer Stadt im Ausnahmezustand. Schon jetzt bin ich gespannt auf die vielen kostümierten Menschen, den Trubel in der City und den kleinen Kindern, die abends an jeder Haustür um Süßes bitten. Mein handgeschnitzer Kürbis wartet schon an der Tür.

P1000959_2Unsere kleine Halloween-Party im AgeSong—Café „Vergiss-mein-nicht“ ist bis auf Kleinigkeiten vorbereitet. Selbst der Fahrstuhl wurde mit Spinnennetzen und Fledermäusen verziert. Nebel und Kälte tragen zur optimalen Gruselstimmung bei.P1000972_2

Ein Herz für Robby und Co.

Unser Montagsausflug mit den Senioren führt uns heute nach Fort Cronkhite in Sausalito. Der Ort liegt auf der anderen Seite der Golden Gate Bridge – eine wunderschön hügelige Landschaft in der Bay Area. Viel Sicht hatten wir nicht. Ich habe erst spät erkannt, dass wir das Wahrzeichen San Franciscos überquerten, da mehr als die Randzäune in einem Radius von zwei Metern nicht sichtbar war. Unsere kleine Reisegruppe beschloss, das „Marine Mammal Center“ zu besuchen – einem Krankenhaus für Seelöwen und verunglückte, kranke Meerestiere.

Es war niedlich, die kleinen Seelöwen in ihrem kleinen Krankenhausbecken planschen zu sehen. Der Eine schwamm Runde für Runde im Wasser ohne Pause, der Andere genoss es, am Beckenrand  zu liegen und zu schlafen. Umso lauter beschwerte er sich, als sein „Beckenkamerad“ ihn zum Plaudern und Mitschwimmen animieren wollte.

Auf den Informationstafeln war kurz und knapp dargestellt, wie und warum sich das Marine Mammal Center um diese Tiere kümmerte. Viele Seelöwen sind durch den Müll der P1000982_2Menschen gefährdet, werden Opfer von Fischern oder leiden an Verletzungen, die sie sich draußen im Meer zugezogen haben. Die Mitarbeiter des Centers retten solche Tiere und bringen sie in dieses Krankenhaus. Die kleinen Seelöwen werden behandelt, wie Menschen: man operiert sie, gibt ihnen Medikamente, versorgt sie und macht sie wieder fit. Das Ziel soll die Freilassung in den Pazifik sein.

Ich war beeindruckt. P1000989_2Dennoch war die Ausstellung im Haupthaus etwas gruselig. Große und kleine Schädel, Organe in Gläsern aufbewahrt in den Regalen, Felle wie Teppiche auf den Schränken. Schilder wiesen darauf hin, dass es sich hierbei nur um Tiere handelt, die eines natürlichen Todes gestorben sind. Trotzdem war es ein trauriger Anblick.

Mit dem wöchentlichen Montagsausflug habe ich die Möglichkeit, immer neue Orte und Attraktionen der Bay Area kennen zu lernen und zu erleben. Ich hoffe, dass der starke Herbstregen, welcher bis in den Februar hinein reichen soll, noch lange auf sich warten lässt. Es gibt noch so viel zu entdecken…P1010022_2

“Holiday Dreams come true…” – my new article!

Endlich wurde er veröffentlicht: pünktlich zu Halloween erscheint mein neuer Artikel für das online Journal “AgeSong today”! Für euch wie immer in deutscher Übersetzung:

„Ein Blick aus dem Fenster verrät, dass sich nun auch die letzten Sommertage dem Ende zu neigen. Regentropfen klopfen sanft ans Fenster. Jetzt möchte jeder gerne ein warmes zu Hause haben, mit einem Tee auf der Couch sitzen, Musik hören oder einfach nur nicht allein sein. Ich sehe mich um. Hier bei AgeSong schauen Senioren und Mitarbeiter gespannt auf den Fernseher. Zeit für Baseball. Es ist ruhig. Nur der Getränkeautomat rauscht im Hintergrund. Plötzlich ein Tor. Die Giants liegen vorn. Die Dame auf dem Sofa ins ganz aus dem Häuschen. Die Herren am Tisch nicken sich zustimmend zu. Die Seniorin im Rollstuhl lächelt. Das Spiel ist ein Event für alle, Senioren und Mitarbeiter, Familie und Besucher. Das Zusammensein ist AgeSong wichtig.

Wir blicken auf die kommende Zeit. Halloween steht vor der Tür. Wir planen eine kleine Party in unserem ‚Vergiss-mein-nicht-Café‘. Als Freiwillige aus Deutschland basteln und kreieren wir kleine Spiele und Dekorationen für zwei gruselig-schöne Stunden.

Wir denken an Thanksgiving. Auch das Vergessen wir nicht. Für mich aus Deutschland ist dieses Fest neu. Ich bin gespannt auf den 22. November und meinen ersten Truthahnbraten.

Wir schauen in Richtung Weihnachtszeit. Neben Plätzchenduft und Pfefferminz, freuen wir uns auf das gemeinsame Singen und gemütliches Beisammensein bei Tee, Kaffee und Kerzenschein. Auch Hanukka wird gefeiert. Bei mir zu Hause ist der „Stollen“ – ein Fruchtkuchen – eine Weihnachtstradition. Um die Senioren und Mitarbeiter von AgeSong für diese Delikatesse zu begeistern, werde ich diesen Stollen ganz persönlich nach dem Rezept meiner Uroma backen.

Für mich ist der Herbst buntes Laub, Kastanien und Drachensteigen lassen – die Weihnachtszeit Schneemann bauen, Adventskranz und Schlittschuh laufen. Wie anders wird es wohl in San Francisco sein? Was erwartet mich? Schon als Kind träumte ich von den bunt geschmückten Gärten und Häusern Amerikas, Paraden mit Santa Clause und seinen Rentieren und einem Strumpf über dem Kamin am Weihnachtsmorgen. Ich freue mich auf eine wunderbare Zeit. In einer Stadt an der Westküste – 10.000 Kilometer von der Heimat entfernt.”

Original: agesongtoday.com

breakfast table and a cup of coffee

Langsam legt sich der dicke Nebel über dem großen weiten Ozean. Die Sonne scheint mit aller Kraft und der Himmel ist klar und wolkenlos. Schiffe fahren am Horizont. Es ist Sonntag. Ein Sonntag, wie er sein sollte. Vergessen sind die kurzen, unruhigen Nächte der vergangenen Wochen. Auch wenn der Alltag für die Senioren hier gegen sechs Uhr morgens beginnt und es dementsprechend laut auf dem Flur wird, so ist es nachts still und friedlich. Inzwischen habe ich mich in meinem neuen Heim eingelebt, auch wenn es nur für einen kurzen Zeitraum sein wird.

Unser neues Appartement soll in einer kleinen Nachbarstadt liegen, in Alameda. Wenn alles klappt, ziehen wir am 11. November um. Wir werden sehen. Jetzt genieße ich erst einmal den Blick aufs Meer, am Frühstückstisch sitzend und einem frischen warmen Kaffee.

Kommen und gehen

Am Freitagmorgen wachte ich zum ersten Mal in meinem neuen Bett auf. Ich genoss ein Frühstück am Tisch mit einem richtigen Käsebrot, Tomaten und Kaffee. Auch wenn es hektisch war und wir etwas unter Zeitdruck standen – darauf wollten wir nicht verzichten. Wie erwartet kamen wir 20 Minuten zu spät zur Arbeit. Aufgefallen ist es keinem.

Stolz betrachtete ich unsere P1000915_2kreativen Werke im Keller AgeSongs. Nur wenige Pinselstriche fehlten noch. Die Hexe brühte vor sich hin, der Kürbis leuchtete im schönsten Orange und der Geist bekam große Augen und ein süßes Lächeln. Oben im Café standen Spinnennetze und Fledermäuse zum Dekorieren bereit. Alle packten mit an: ein Senior, ein Intern, Studenten der Universität und wir Freiwilligen aus Deutschland.

Die Zeit verging wie im Fluge. Meine Entspannungsgruppe stand an. Seit vier Wochen gehören dreißig Minuten mir und den Senioren ganz allein. Eine halbe Stunde abschalten, entspannen, atmen und den Alltag vergessen. Die dankbaren Augen der Senioren sind jeden Freitag erneut eine Freude.

P1000943_2Noch einmal setzten wir uns zu den Bewohnern in den Aufenthaltsraum – malten Kürbisse für unser Mobilee. So manche Dame macht sich zum ersten Mal bemerkbar. Auch wenn sie ihren Arm alleine nicht mehr heben kann, ihre Augen zu schwach sind, um Bilder und Farben zu erkennen, so wollte sie trotzdem helfen, einen Kürbis für unsere Halloween-Party zu gestalten. Ich  frage sie nach einer Farbe, nehme einen Stift und ihre Hand und führe ihre Finger über das Papier. Am Ende entsteht ein Bild, worauf sie stolz sein kann. Sie kann nicht viel sagen, zeigt jedoch, dass es ihr gefallen hat. Auf der anderen Seite des Tisches malt eine mexikanische Seniorin eifrig Kürbis für Kürbis an. Verschiedenste Gesichter entstehen. Ich bin beeindruckt.P1000934_2

Acht Stunden sind vergangen. Es ist Feierabend. Noch einmal drehe ich mich um, winke der Dame an der Rezeption zu. Wir sehen uns nächste Woche! Es ist 17 Uhr als die Tür hinter mir ins Schloss fällt und ich mich auf den Weg in mein neues Heim mache.

Why?

Die Sonne ist schon lange untergegangen. Kaum ein Mensch ist draußen auf der Straße. Es riecht nach Apfel und Zimt – Wintertee mit Grüßen aus Deutschland. Die Kerze auf dem kleinen Kaffeetisch  kämpft um das kleine Flämmchen, welches im Wachs zu ertrinken droht. Es ist 21 Uhr. Während ich in das zarte Licht schaue, versuche ich die letzten Tage noch einmal Revue passieren zu lassen.

Unverständnis

24. Oktober: Ich hatte es aufgegeben, auf ruhigere Nächte zu hoffen, fand mich mit den unglaublich vielen Kompromissen, die wir hier eingehen mussten, ab. Es war nicht schön, in einem Seniorenheim zu leben, für mich nach so langer Zeit nur noch schwer ertragbar. Aber jegliche Bitte um Veränderung der Situation blieb unerfüllt. Auch Druck half nichts. Es wurde viel Versprochen und viel geredet – alles leere Worte. Sieben Wochen liegen hinter mir und noch immer keine neue Unterkunft in Sicht. Warum nur?

Es war ein ganz gewöhnlicher Mittwoch. Müde saß ich im Meeting und versuchte, dem Gespräch zu folgen. Der Chef befand sich für eine Woche im Urlaub. Seine Meditationsgruppe sollte ausfallen, weil es keinen Ersatz für ihn gab. Ein oder zweimal habe ich selbst daran teilgenommen. So richtig meditieren konnte man das nicht nennen, aber den Senioren gefällt es. Es tat mir leid für sie, dass eine doch recht beliebte Gruppe entfallen sollte. Spontan übernahm ich den Kurs für 11 Uhr.

Es war eine gute Runde. Die Senioren waren dankbar für jedes Wort. Wer zur Meditation kommt ist recht unabhängig und mental noch gut dabei. Wir konnten diskutieren, uns richtig unterhalten. Eine Seltenheit hier. 30 Minuten vergingen wie im Flug. Anschließend: Mittagessen mit den Bewohnern außerhalb AgeSongs in einem kleinen Burger-Restaurant namens „Flippers“. Mit Rollstuhl, Gehhilfe oder selbst zu Fuß – wer kann, darf mit. Beim Essen werden Portionen geteilt. Ein komplettes Gericht wäre zu viel für die Senioren. So mancher Diabetiker darf ausnahmsweise essen, was ihm Spaß macht. So manche Dame blüht auf und plaudert, wie nie zuvor. Es ist gewöhnungsbedürftig, aber auf keinen Fall unangenehm.

P1000905_2Wer könnte man nach einem doch bisher recht schönen Tag an etwas Negatives denken? Ich hatte heute Spaß bei der Arbeit. Im Keller kreieren wir die Dekoration für eineP1000913_2 kleine Halloween-Party. Ein kleines Geisterschloss für Minigolf, eine Hexe, die im Kessel kocht. Ein Geist mit leuchtend blauen Augen, eine Spinne und ein Kürbis-Mobilee trocknen unter dem Klavier. Alles wartete auf seine Vollendung. Am Freitag sollte es fertig sein. Nach einer kleinen Mittagspause wollten wir in den Endspurt gehen. Doch daraus wurde nichts.

Ohne Worte

Wir hatten das Gebäude AgeSongs noch nicht betreten, schon spürte ich, dass etwas nicht stimmte. Einige Interns sahen uns nur an oder machten einen Bogen um uns. Unser Supervisor – zu gut deutsch Leiterin – trat zwischen uns und wollte mit uns reden. Sie brauchen unser Zimmer für eine neue Mitbewohnerin. Ganz plötzlich und unerwartet, wie aus heiterem Himmel. Ich verstand nicht ganz, was sie meinte. Wir hatten keine andere Unterkunft. Ständig wurde uns erklärt, dass es kein anderes Zimmer für uns zum Wohnen gab. Und plötzlich sollten wir aus unseren acht Quadratmetern ausziehen?

Ein weiterer Intern kam auf uns zu. Sie sei für uns Freiwillige aus Deutschland zuständig. „Hi Leute“, sagte sie, „ich habe schlechte Neuigkeiten. Naja, eigentlich sind sie nicht so schlecht, aber ja. Wir brauchen euer Zimmer und müssen euch somit umquartieren.“  Verzeihung. Wie bitte? „Wir haben zwei Möglichkeiten für euch: entweder das Zweitbettzimmer gegenüber von euch oder eins im anderen Gebäude. Da könnte es jedoch sein, dass ihr jeden Tag erneut umziehen müsstet, weil wir die Zimmer dort brauchen.“ Ich starrte sie an. Hatte ich das grade richtig verstanden? Sieben Wochen lang hatte es keine Möglichkeit gegeben, uns ein anderes etwas größeres Zimmer zu geben und plötzlich das? Erst vergangenen Freitag hatten wir das Thema diskutiert und da war ein Zimmerwechsel sofort abgelehnt worden.

Wir hatten jetzt die Wahl zwischen einem Zimmer, wo wir zwei Menschen haben sterben sehen müssen, oder einem Raum, wo wir morgen womöglich gleich wieder rausgeschmissen werden. Das konnte nicht ihr ernst sein. Hatten wir nicht die letzten sieben Wochen genug mitmachen müssen? Mir standen die Tränen in den Augen, gleichzeitig kroch die Wut in mir hoch. Ich konnte nicht mehr. Ich war mehr als an meinen Grenzen angekommen. Meiner Mirfeiwilligen ging es ähnlich. „Wann?“, fragte ich leise. Ich sah ihr direkt in die Augen. „Wann müssen wir unsere Sachen packen?“ „Am besten gleich, so früh wie möglich.“ Ich holte tief Luft. Das war ein Albtraum. „Hi Leute, ich weiß, dass ist nicht so, wie wir gedacht haben. Aber wir arbeiten weiter an eurem Appartement. Echt. Aber jetzt muss es erst mal so sein. Wir brauchen den Raum für eine neue Seniorin. Da müsst ihr leider Platz machen. Aber so schlimm ist das ja nicht. Macht einen Spaziergang und packt dann eure Sachen, ja?“

Mehr hörte ich nicht. Ich ließ sie in der Lobby stehen und stürmte nach draußen. Umziehen? Gleich? Sie suchen ein Appartement? Ich hatte diese leeren Worte satt. Seit sieben Wochen wird viel geredet, nichts getan. Wir sind geduldig, machen alles mit, und nun das? Ich sah durch die Glastür. Zwischen Interns, die auf sie einredeten, und quatschenden Senioren stand meine Partnerin genauso fertig wie ich. Ich ging hinein in Richtung Zimmer. Dort standen Hausmeister und Techniker, Supervisor und andere Mitarbeiter der AgeSong Leitung. Auf meinem Bett und Koffer Schraubenzieher, Verpackungen und Kabel. Mein Kuscheltier lag auf dem Boden zwischen Schuhen und Staub. Ich nahm meine Partnerin bei der Hand und zwängte mich ins Zimmer. Ohne auf die anderen zu hören packte ich alles zusammen, was mir lieb und teuer war. Ich wollte nichts mehr hören, nichts mehr sehen. Mir fehlte jegliches Verständnis für diese Situation. Ich schnappte mir meinen Laptop suchte mir eine ruhige Ecke, um nach Deutschland zu telefonieren. Ich wusste nicht mehr, was ich tun sollte. In diesem Moment wollte ich nur noch nach Hause.

Und trotzdem geht es weiter

Ich brauchte eine Weile, ehe ich mich beruhigt hatte. Ohne eine Miene zu verziehen gingen wir zurück. Inzwischen waren Haustechnik und -leitung wieder verschwunden. Wir packten unsere Sachen. All‘ zu schwer war das nicht. Nur wenig war ausgepackt. Die letzten Wochen hatten wir schließlich aus unseren Koffern gelebt. Wir wussten nicht genau, wohin, waren uns jedoch sicher, dass wir lieber jeden Tag umziehen wollten als in einem Zimmer zu leben, wo wir so viel Leid gesehen hatten. Wir brachten unser Gepäck auf die andere Straßenseite. Erneut versuchte jeder auf uns einzureden. Im Fahrstuhl wollte man uns weis machen, dass dies eine einzigartige Erfahrung sei. Ohne Verschönerung, sachlich und klar erklärte ich noch einmal, wie wir uns fühlten, welche Probleme wir haben und wie schwierig uns das Leben hier fällt. Aber auch das hatte ich schon öfter getan und trotzdem gab es bisher keine Veränderungen.

Wir betraten unser neues Zimmer. Es war größer, zwei Betten, ein Schrank. Die Mitarbeiter der Etage sahen uns voller Mitleid an. Sie boten uns jeder Zeit ihre Unterstützung an. Das war lieb gemeint, aber momentan wollte ich nichts mehr sagen, nichts mehr hören. Noch immer kämpfte ich mit den Tränen, dachte an zu Hause, Familie und Freunde. Was nun?

Wir fuhren mit dem Fahrstuhl nach unten. In Gedanken versunken stieß ich fast mit der Köchin zusammen.  Sie sagte etwas über eine Idee, einen Plan, ein Zimmer in einem anderen Appartement. Ich konnte ihr nicht ganz folgen. Sie nahm uns mit nach draußen auf die Straße, rief unserem Supervisor zu, dass wir losfahren könnten. Es hatte sich ein Zimmer in einem Appartement gefunden, wo wir bis zum Umzug in unsere eigenen vier Wände leben könnten. Hinterm Golden Gate Park, in der Nähe vom ‚Ocean Beach‘.

Ein Lichtblick

Zu viert fuhren wir in einem Caprio gen Westen. Die Sonne strahlte, der kalte Wind blies mir durch die Haare. 25 Minuten später erreichten wir das weiße Zweifamilienhaus. Ich wusste inzwischen, dass der Eigentümer des Hauses den Gründer AgeSongs kannte. Das Appartement war zum Seniorenheim umgebaut wurden. Unten leben Senioren, oben wohnt der Hausherr selbst. Wir wurden freundlich begrüßt. Recht unsicher betrat ich das Haus. So richtig sortiert hatte ich die letzten zwei Stunden in meinem Kopf noch nicht. Wir wurden durch einen langen Flur in ein großes geräumiges Zimmer geführt. Dort stand ein Bett, ein großer weißer Einbauschrank, zwei Nachtschränkchen, ein kleinerer Schrank und ein gro.ßer Spiegel. Diesen Raum stellte uns der Eigentümer für die nächsten Tage zur Verfügung. Er führte uns weiter herum in eine kleine Küche mit Kühlschrank, Reiskocher und Mikrowelle. Er bot uns an, seine eigene Küche zu benutzen mit Herd und Ofen, Töpfen und Pfannen. Zum  Kochen, wann immer wir möchten.

So vieles wäre hier einfacher, entspannter. Endlich könnte ich Arbeit und Privatleben trennen. Meine ‚Kollegen‘ würden mich nicht mehr verschlafen im Pyjama sehen. Ich könnte mir mein eigenes Essen zubereiten, Nahrungsmittel lagern und ruhig schlafen. Ausruhen und entspannen am Wochenende und nach der Arbeit. Er führte uns hinaus auf die Terrasse. Die Aussicht war unglaublich. Blick auf das blaue Meer. Hohe Wellen brachen am Strand, Möwen flogen in der Luft und die Sonne spiegelte sich auf dem Wasser des Pazifiks. Ein Gefühl der Erleichterung. Es ist eine Veränderung, wenn auch nicht optimal. Nur eine Nacht noch bei AgeSong. Ein paar Kleinigkeiten müssen erst geregelt werden. Aber der Umzug steht bevor. Donnerstag 10.30 Uhr. Ein Lichtblick.

last summerdays

Der Oktober neigt sich dem Ende entgegen. Sechs Wochen lebe und arbeite ich bereits in San Francisco. Die anfänglichen Startschwierigkeiten ziehen sich bis heute. Noch immer ist mein Vertrag nicht unterschrieben und die Wohnsituation unsicher und unverändert. Wir kämpfen jeden Tag erneut, versuchen, uns gegenseitig hoch zu ziehen und gemeinsam die Tage etwas schöner zu gestalten. Doch es ist und bleibt hart, bei max. acht Quadratmetern zu zweit in einem Seniorenheim zu wohnen.

Die Zeit vergeht. Es wird Herbst in San Francisco. Immer mehr Regentage verdrängen Sonnenschein und Wärme. Ich vermisse das Laub und die Kastanien in Deutschland, freue mich jedoch hier über die vergangenen Sommertage bei fast 30°C.

Santa Cruz

Um die letzten Sonnenstrahlen zu genießen, fuhren wir trotz Müdigkeit über ein paar Umwege in das zwei Stunden entfernte Santa Cruz. Warum Umwege? Wir machten einen Zwischenstopp in San José und trafen dort ein paar junge Lehrer einer baptistischen Schule, die uns zu diesem Trip eingeladen hatten. Allein für die Hinfahrt von San Francisco nach Santa Cruz brauchten wir beinah vier Stunden. Unsere Gruppe war gut drauf.P1000880_2

Die Landschaft war wunderschön. Ich habe es genossen, einmal außerhalb der Bay Area die Gegend zu erkunden. Wir fuhren den Highway entlang, an Kleinstädten vorbei über Berge und durch Wälder. Nach sechs Wochen in San Francisco eine wunderbare grüne Abwechslung.

Santa Cruz liegt direkt am Pazifik. Wir parkten unseren Minibus an einem bunten Freizeitpark mit Blick aufs Meer. Menschen und Massen. Alles war bunt. An jeder Ecke roch es nach Eierkuchen oder Zuckerwatte. Kitsch vom Feinsten. Der kleine Freizeitpark zog sich den Strand entlang. Es gab nur einen Weg, welcher uns zu allen Attraktionen führen konnte.P1000865_3

Aber wir zogen der P1000870_2Achterbahn und dem „Freien Fall“ einen Strandspaziergang und  die Seehunde vor. Es war einfach schön. Segelboote und Fähren am Horizont. Ein paar Meter weiter fand ein Bandwettbewerb verschiedenster High Schools statt. Trommel und Blasmusik – schnell und langsam, laut und leise. Ich hätte nie gedacht, dass dies „bloß“ Schüler waren.

Wir verbrachten unsere Zeit mit Spaziergängen, quatschen und genossen einfach Sommer, Sonne und Strand. Es war lustig und tat gut, mit Leuten gleichen  Alters unterwegs zu sein. Auch wenn die  Rückfahrt lang war und wir doch recht spät bei Agesong ankamen, so bin ich nach solchen Ausflügen immer etwas zufriedener als vorher. Eben glücklich.P1000856_2

My new article!

Endlich wurde er online gestellt – unverändert! Wie immer für euch das deutsche Original:

Mit viel Sonne und hohen Temperaturen zeigt sich der indische Sommer von seiner besten Seite. Kinder freuen sich, wenn die Schule aus ist und Mama und Papa mit ihnen an den Strand fahren. Jeder liebt den Strand, den Sand, das Meer und den Wind an den Küsten San Franciscos. Den Senioren von AgeSong geht es nicht anders. Mit Eiscreme und Soda machten wir uns diese Woche auf zur Golden Gate National Recreation Area.

Die Sonne spiegelte sich im Wasser und unzählige Segelboote ließen sich von dem frischen Wind treiben. Frei von Wolken und Nebel glänzte auch Alcatraz mitten im San Pablo Bay. Auch wenn das Wasser wesentlich kälter war, als ich es erwartet hatte, so genoss ich den Sand zwischen den Zehen und die kleinen Wellen, die ein meinen Waden brachen. Die Golden Gate Bridge im Hintergrund wirkte eindrucksvoll und stolz. Ein Stück weiter entfernt reichte ein kleiner Steg um einige Meter ins Wasser hinein. Ein Senior kam und wollte mich bis zum Ende der Brücke begleiten. Natürlich, dachte ich. Mit Vergnügen.

Gemeinsam schlenderten wir die Küste entlang. Möwen begleiteten uns auf unserem Weg. Im starken Wind ließen sie sich treiben und segelten ohne Flügelschläge durch die Luft. Mit einem guten Blick schoss der Herr an meiner Seite das ein oder andere Foto von mir in schönster Location.  Auf der Brücke angekommen bewunderten wir eine Gruppe von Menschen, die ihr Glück im Fischen suchten. Unweit entfernt hatte es sich ein kleiner Seelöwe gemütlich gemacht. Nachdem ich mich ein paar Minuten mit einer Gruppe junger Studenten unterhalten hatte, stellte ich plötzlich fest, dass jemand an meiner Seite fehlte. Doch direkt hinter dem kleinen weißen Zelt stand er und schoss vergnügt mit einer großen Kamera viele Fotos von einem Pärchen, die zu Besuch in San Francisco waren. Es war toll, ihm von weitem zu zu sehen.  Er sah einfach glücklich aus, zufrieden. Wie gerne hätte ich ihn noch einige Zeit länger dort stehen und fotografieren lassen. Leider drängte die Zeit. Er hat es genossen: den Spaziergang, das Meer, die Sonne und den Wind. Auch wenn er müde und geschafft zurück am Van ankam, so lächelte er.  Ein Lächeln, wofür es sich jeden Tag erneut lohnt, aufzustehen.

Original: agesongtoday.com

Scary America

Sie diskutieren um ihre Zukunft, versuchen die besten Argumente und Antworten zu finden. Amerika schaut kritisch auf die beiden Kandidaten. Nur noch wenige Tage bis zur entscheidenden Wahl. Zum Glück gibt es hier noch ein oder zwei Bewohner, die einer Debatte zwischen Präsident Obama und Herausforderer Romney folgen können.

Es ist 18.30 Uhr. Gemeinsam mit einem Kurzzeitresidenten schaue ich gespannt auf den Fernseher. CNN überträgt die Debatte live. Im Hintergrund schreit eine Bewohnerin herum. Ihre Sätze haben weder Sinn noch Inhalt. Eine mexikanische Seniorin schüttelt am anderen Ende des Tisches den Kopf. Sie mag vielleicht nur wenig Englisch verstehen, aber auch ihr geht das laute Gequäke auf die Nerven. Ich drehe die Lautstärke auf.

AgeSong ist nicht nur Heim für alte und kranke Senioren. Vor drei Jahren wurde hier das begleitete und unterstützende Wohnen eingeführt. Für Menschen, die eine Zeit lang im Krankenhaus gelegen haben, stellt diese Institution eine Art Brücke dar. Sogenannte „Kurzzeitbewohner“ können hier wenige Wochen bzw. Monate wohnen, bürokratische, soziale, familiäre Angelegenheiten klären und dann sicherer und gesetzter nach Hause zurückkehren. Oft ist es leichter, mit ihnen zu arbeiten als mit den meisten Senioren hier. Sie sind noch nicht so physisch und psychisch eingeschränkt, wie die meisten Bewohner und oft wesentlich jünger.

Amerika wählt den Präsidenten – und Deutschland regiert ein Kaiser

Um Abstand von all‘ dem hier zu bekommen, fuhren wir Sonntagnachmittag nach Albany zum Bowlen. Unsere IJFD-Koordinatorin hatte uns eingeladen, sie und zwei ihrer Freunde zu begleiten.

Albany liegt 45 Minuten Zugfahrt von San Francisco entfernt. Es ist ruhig dort. Viel Trubel gibt es nicht. Das Bowlingcenter unterscheidet sich kaum von unseren in Deutschland. Somit war es nichts Besonderes für uns. P1000829_2Ich war nicht verwundert, dass ich gefragt wurde, ob ich schon einmal gebowlt hätte. Schließlich käme ich aus Deutschland und dort gäbe diesen Sport wohl kaum. Mich erstaunt hier nur noch wenig. Ein Mann hatte mich auch schon gefragt, wie das Leben unter einem Kaiser so sei. Ist Deutschland wirklich so weit weg?

P1000825_2Ein Bowlingspiel läuft hier nicht anders ab als bei uns. Kein Highlight, nichts Ungewöhnliches. Eben Bowling wie überall. Doch eins war wirklich niedlich: eine ca. drei Meter große Pin-Figur, tanzend zu einem amerikanischen Mega Hit – vergleichbar mit unserem Macarena-Tanz.

Dass Halloween in der Tür steht, kann niemand mehr übersehen. Jedes Schaufenster, jedes Geschäft und jedes Restaurant ist im Gruselfieber. Süßigkeiten mit dem speziellen Kürbisgeschmack, Eiscreme allá Kürbis, saure Kürbiswürmer, scharfe Kürbiskekse, Kürbisdekoration, Kürbismasken…Kürbis…Kürbis….Kürbis! Nicht zu vergessen die tausend Dracula – Figuren, künstliche Spinnennetze und Geisterkostüme. Welch‘ Abwechslung bot da die Drogerie, als ich meine ganz persönliche Favoritenmaske fand. Aber seht doch selbst… P1000844_3

Inzwischen ist es ruhiger geworden. Die einst kreischende Seniorin ist in ihrem Rollstuhl erschöpft eingeschlafen. Pünktlich zum Ende der Debatte.