Why?

Die Sonne ist schon lange untergegangen. Kaum ein Mensch ist draußen auf der Straße. Es riecht nach Apfel und Zimt – Wintertee mit Grüßen aus Deutschland. Die Kerze auf dem kleinen Kaffeetisch  kämpft um das kleine Flämmchen, welches im Wachs zu ertrinken droht. Es ist 21 Uhr. Während ich in das zarte Licht schaue, versuche ich die letzten Tage noch einmal Revue passieren zu lassen.

Unverständnis

24. Oktober: Ich hatte es aufgegeben, auf ruhigere Nächte zu hoffen, fand mich mit den unglaublich vielen Kompromissen, die wir hier eingehen mussten, ab. Es war nicht schön, in einem Seniorenheim zu leben, für mich nach so langer Zeit nur noch schwer ertragbar. Aber jegliche Bitte um Veränderung der Situation blieb unerfüllt. Auch Druck half nichts. Es wurde viel Versprochen und viel geredet – alles leere Worte. Sieben Wochen liegen hinter mir und noch immer keine neue Unterkunft in Sicht. Warum nur?

Es war ein ganz gewöhnlicher Mittwoch. Müde saß ich im Meeting und versuchte, dem Gespräch zu folgen. Der Chef befand sich für eine Woche im Urlaub. Seine Meditationsgruppe sollte ausfallen, weil es keinen Ersatz für ihn gab. Ein oder zweimal habe ich selbst daran teilgenommen. So richtig meditieren konnte man das nicht nennen, aber den Senioren gefällt es. Es tat mir leid für sie, dass eine doch recht beliebte Gruppe entfallen sollte. Spontan übernahm ich den Kurs für 11 Uhr.

Es war eine gute Runde. Die Senioren waren dankbar für jedes Wort. Wer zur Meditation kommt ist recht unabhängig und mental noch gut dabei. Wir konnten diskutieren, uns richtig unterhalten. Eine Seltenheit hier. 30 Minuten vergingen wie im Flug. Anschließend: Mittagessen mit den Bewohnern außerhalb AgeSongs in einem kleinen Burger-Restaurant namens „Flippers“. Mit Rollstuhl, Gehhilfe oder selbst zu Fuß – wer kann, darf mit. Beim Essen werden Portionen geteilt. Ein komplettes Gericht wäre zu viel für die Senioren. So mancher Diabetiker darf ausnahmsweise essen, was ihm Spaß macht. So manche Dame blüht auf und plaudert, wie nie zuvor. Es ist gewöhnungsbedürftig, aber auf keinen Fall unangenehm.

P1000905_2Wer könnte man nach einem doch bisher recht schönen Tag an etwas Negatives denken? Ich hatte heute Spaß bei der Arbeit. Im Keller kreieren wir die Dekoration für eineP1000913_2 kleine Halloween-Party. Ein kleines Geisterschloss für Minigolf, eine Hexe, die im Kessel kocht. Ein Geist mit leuchtend blauen Augen, eine Spinne und ein Kürbis-Mobilee trocknen unter dem Klavier. Alles wartete auf seine Vollendung. Am Freitag sollte es fertig sein. Nach einer kleinen Mittagspause wollten wir in den Endspurt gehen. Doch daraus wurde nichts.

Ohne Worte

Wir hatten das Gebäude AgeSongs noch nicht betreten, schon spürte ich, dass etwas nicht stimmte. Einige Interns sahen uns nur an oder machten einen Bogen um uns. Unser Supervisor – zu gut deutsch Leiterin – trat zwischen uns und wollte mit uns reden. Sie brauchen unser Zimmer für eine neue Mitbewohnerin. Ganz plötzlich und unerwartet, wie aus heiterem Himmel. Ich verstand nicht ganz, was sie meinte. Wir hatten keine andere Unterkunft. Ständig wurde uns erklärt, dass es kein anderes Zimmer für uns zum Wohnen gab. Und plötzlich sollten wir aus unseren acht Quadratmetern ausziehen?

Ein weiterer Intern kam auf uns zu. Sie sei für uns Freiwillige aus Deutschland zuständig. „Hi Leute“, sagte sie, „ich habe schlechte Neuigkeiten. Naja, eigentlich sind sie nicht so schlecht, aber ja. Wir brauchen euer Zimmer und müssen euch somit umquartieren.“  Verzeihung. Wie bitte? „Wir haben zwei Möglichkeiten für euch: entweder das Zweitbettzimmer gegenüber von euch oder eins im anderen Gebäude. Da könnte es jedoch sein, dass ihr jeden Tag erneut umziehen müsstet, weil wir die Zimmer dort brauchen.“ Ich starrte sie an. Hatte ich das grade richtig verstanden? Sieben Wochen lang hatte es keine Möglichkeit gegeben, uns ein anderes etwas größeres Zimmer zu geben und plötzlich das? Erst vergangenen Freitag hatten wir das Thema diskutiert und da war ein Zimmerwechsel sofort abgelehnt worden.

Wir hatten jetzt die Wahl zwischen einem Zimmer, wo wir zwei Menschen haben sterben sehen müssen, oder einem Raum, wo wir morgen womöglich gleich wieder rausgeschmissen werden. Das konnte nicht ihr ernst sein. Hatten wir nicht die letzten sieben Wochen genug mitmachen müssen? Mir standen die Tränen in den Augen, gleichzeitig kroch die Wut in mir hoch. Ich konnte nicht mehr. Ich war mehr als an meinen Grenzen angekommen. Meiner Mirfeiwilligen ging es ähnlich. „Wann?“, fragte ich leise. Ich sah ihr direkt in die Augen. „Wann müssen wir unsere Sachen packen?“ „Am besten gleich, so früh wie möglich.“ Ich holte tief Luft. Das war ein Albtraum. „Hi Leute, ich weiß, dass ist nicht so, wie wir gedacht haben. Aber wir arbeiten weiter an eurem Appartement. Echt. Aber jetzt muss es erst mal so sein. Wir brauchen den Raum für eine neue Seniorin. Da müsst ihr leider Platz machen. Aber so schlimm ist das ja nicht. Macht einen Spaziergang und packt dann eure Sachen, ja?“

Mehr hörte ich nicht. Ich ließ sie in der Lobby stehen und stürmte nach draußen. Umziehen? Gleich? Sie suchen ein Appartement? Ich hatte diese leeren Worte satt. Seit sieben Wochen wird viel geredet, nichts getan. Wir sind geduldig, machen alles mit, und nun das? Ich sah durch die Glastür. Zwischen Interns, die auf sie einredeten, und quatschenden Senioren stand meine Partnerin genauso fertig wie ich. Ich ging hinein in Richtung Zimmer. Dort standen Hausmeister und Techniker, Supervisor und andere Mitarbeiter der AgeSong Leitung. Auf meinem Bett und Koffer Schraubenzieher, Verpackungen und Kabel. Mein Kuscheltier lag auf dem Boden zwischen Schuhen und Staub. Ich nahm meine Partnerin bei der Hand und zwängte mich ins Zimmer. Ohne auf die anderen zu hören packte ich alles zusammen, was mir lieb und teuer war. Ich wollte nichts mehr hören, nichts mehr sehen. Mir fehlte jegliches Verständnis für diese Situation. Ich schnappte mir meinen Laptop suchte mir eine ruhige Ecke, um nach Deutschland zu telefonieren. Ich wusste nicht mehr, was ich tun sollte. In diesem Moment wollte ich nur noch nach Hause.

Und trotzdem geht es weiter

Ich brauchte eine Weile, ehe ich mich beruhigt hatte. Ohne eine Miene zu verziehen gingen wir zurück. Inzwischen waren Haustechnik und -leitung wieder verschwunden. Wir packten unsere Sachen. All‘ zu schwer war das nicht. Nur wenig war ausgepackt. Die letzten Wochen hatten wir schließlich aus unseren Koffern gelebt. Wir wussten nicht genau, wohin, waren uns jedoch sicher, dass wir lieber jeden Tag umziehen wollten als in einem Zimmer zu leben, wo wir so viel Leid gesehen hatten. Wir brachten unser Gepäck auf die andere Straßenseite. Erneut versuchte jeder auf uns einzureden. Im Fahrstuhl wollte man uns weis machen, dass dies eine einzigartige Erfahrung sei. Ohne Verschönerung, sachlich und klar erklärte ich noch einmal, wie wir uns fühlten, welche Probleme wir haben und wie schwierig uns das Leben hier fällt. Aber auch das hatte ich schon öfter getan und trotzdem gab es bisher keine Veränderungen.

Wir betraten unser neues Zimmer. Es war größer, zwei Betten, ein Schrank. Die Mitarbeiter der Etage sahen uns voller Mitleid an. Sie boten uns jeder Zeit ihre Unterstützung an. Das war lieb gemeint, aber momentan wollte ich nichts mehr sagen, nichts mehr hören. Noch immer kämpfte ich mit den Tränen, dachte an zu Hause, Familie und Freunde. Was nun?

Wir fuhren mit dem Fahrstuhl nach unten. In Gedanken versunken stieß ich fast mit der Köchin zusammen.  Sie sagte etwas über eine Idee, einen Plan, ein Zimmer in einem anderen Appartement. Ich konnte ihr nicht ganz folgen. Sie nahm uns mit nach draußen auf die Straße, rief unserem Supervisor zu, dass wir losfahren könnten. Es hatte sich ein Zimmer in einem Appartement gefunden, wo wir bis zum Umzug in unsere eigenen vier Wände leben könnten. Hinterm Golden Gate Park, in der Nähe vom ‚Ocean Beach‘.

Ein Lichtblick

Zu viert fuhren wir in einem Caprio gen Westen. Die Sonne strahlte, der kalte Wind blies mir durch die Haare. 25 Minuten später erreichten wir das weiße Zweifamilienhaus. Ich wusste inzwischen, dass der Eigentümer des Hauses den Gründer AgeSongs kannte. Das Appartement war zum Seniorenheim umgebaut wurden. Unten leben Senioren, oben wohnt der Hausherr selbst. Wir wurden freundlich begrüßt. Recht unsicher betrat ich das Haus. So richtig sortiert hatte ich die letzten zwei Stunden in meinem Kopf noch nicht. Wir wurden durch einen langen Flur in ein großes geräumiges Zimmer geführt. Dort stand ein Bett, ein großer weißer Einbauschrank, zwei Nachtschränkchen, ein kleinerer Schrank und ein gro.ßer Spiegel. Diesen Raum stellte uns der Eigentümer für die nächsten Tage zur Verfügung. Er führte uns weiter herum in eine kleine Küche mit Kühlschrank, Reiskocher und Mikrowelle. Er bot uns an, seine eigene Küche zu benutzen mit Herd und Ofen, Töpfen und Pfannen. Zum  Kochen, wann immer wir möchten.

So vieles wäre hier einfacher, entspannter. Endlich könnte ich Arbeit und Privatleben trennen. Meine ‚Kollegen‘ würden mich nicht mehr verschlafen im Pyjama sehen. Ich könnte mir mein eigenes Essen zubereiten, Nahrungsmittel lagern und ruhig schlafen. Ausruhen und entspannen am Wochenende und nach der Arbeit. Er führte uns hinaus auf die Terrasse. Die Aussicht war unglaublich. Blick auf das blaue Meer. Hohe Wellen brachen am Strand, Möwen flogen in der Luft und die Sonne spiegelte sich auf dem Wasser des Pazifiks. Ein Gefühl der Erleichterung. Es ist eine Veränderung, wenn auch nicht optimal. Nur eine Nacht noch bei AgeSong. Ein paar Kleinigkeiten müssen erst geregelt werden. Aber der Umzug steht bevor. Donnerstag 10.30 Uhr. Ein Lichtblick.

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